Geschichte der jüdischen Gemeinde 2

Enteignung und Arisierung

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Wohnhaus der Familie Baum in Bosen bei der Versteigerung der Wohnungseinrichtung (Foto und Textzeilen stammen von Maria Veit, geb. Scherer).

„Lieber Ludwig*,

schicke dir ein kleines Foto von deinem Elternhause,
dieses war die Versteigerung von allem,
was dein Eigentum war an Möbel, Wäsche und
so weiter. Ich habe damals ein paar Aufnahmen
gemacht, aber nicht viele Leute haben das gesehen,
denn dies hätte können für mich böse werden.
Die Herren der Versteigerung waren vom
Finanzamt Birkenfeld. Nun sei du vielmals gegrüßt
von mir Maria sowie meinen Eltern auch von meinem Bräutigam.“

*Es handelt sich um Ludwig Baum (geb. 19.5.1915 in Bosen, 1937 in die USA emigriert).

Mehr als 90 jüdische Einwohner der Gemeinde Nohfelden mussten aufgrund des zunehmenden nationalsozialistischen Drucks ihre Heimatorte verlassen. Jüdischer Besitz wurde „arisiert“ (= schrittweise Enteignung jüdischer Bürger zugunsten von Nichtjuden), das heißt, die Auswanderungswilligen mussten ihre Häuser zu meist viel zu niedrigen Preisen verkaufen. Oft wurde der Verkaufspreis nicht mehr an die Verkäufer ausgezahlt. Die Besitztümer der in der Gemeinde verbliebenen jüdischen Bürger wurden später zwangsarisiert, die verbliebene jüdische Bevölkerung wurde in so genannte „Judenhäuser“ umgesiedelt. Der zurückgebliebene bewegliche Besitz in den Häusern wurde versteigert, ohne den jüdischen Familien den Erlös zukommen zu lassen.

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aus: Birkenfelder Zeitung am 16. Juni 1937

Die Novemberpogrome in der Gemeinde Nohfelden

Pogrom ist ein russisches Wort für Zerstörung. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es in ganz Deutschland zu spontanen „Aktionen“, die sich gegen Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen, gegen jüdische Schulen und jüdische Mitbürger richteten.

Der Kreisleiter von Idar-Oberstein, Ernst Diedenhofen, veranlasste die Pogrome in der Gemeinde. In Bosen und Sötern wurden in der Nacht vom 9. November 1938 die ortsansässigen Juden gezwungen, die Innenausstattung ihrer Gotteshäuser auszuräumen und zu zerstören. Die Trümmer der Inneneinrichtung mussten auf die Straßen geworfen und weggeräumt werden. Bücher, Papiere und Gebetsrollen wurden später verbrannt. Viele Juden wurden körperlich schwer misshandelt, wobei Täter und Opfer meist aus dem gleichen Ort stammten.

Jüdische Geschäfte wurden geplündert, Privatwohnungen wurden verwüstet und Privateigentum wie Geld, Schmuck oder Vieh wurde entwendet. Außerdem kam es zu Schändungen der beiden jüdischen Friedhöfe in Sötern und Gonnesweiler. Einige jüdische Männer wurden verhaftet, in das Gefängnis von Hermeskeil eingeliefert und von dort Tage später ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Erst nach mehreren Monaten kehrten sie in ihren Heimatort zurück.


Die Deportationen des Jahres 1942

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Juden aus dem Kreis Birkenfeld im Sammellager an der Neubrücker Mühle vor dem Abstransport ins KZ am 30. April 1942

Im April und Juli 1942 wurden in Koblenz zwei Transporte zusammengestellt, zu denen auch viele jüdische Mitbürger unserer Gemeinde gehören sollten.

Am 30. April 1942 wurden bei der II. Koblenzer Deportation 44 Personen aus der Gemeinde in ein „Arbeitslager“ im Distrikt Lublin in Polen transportiert. Bei der IV. Koblenzer Deportation am 27. Juli 1942 wurden weitere 26 Personen aus der Gemeinde ins KZ Theresienstadt deportiert.

 

 

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